* 30 *
Jenna ging langsam über den Steg zurück zu dem überwucherten Uferweg. Sie sah das lila Licht des Sicherheitsvorhangs den Himmel erhellen und wusste, dass der Zauber den Palast von der Außenwelt abschnitt – mitsamt ihrer Mutter darin. Sie schob die Hände tief in die Taschen und spürte das glatte Messing des Schlüssels, den ihr Silas gegeben hatte. Sie seufzte. Sie wollte die Nacht nicht allein in ihrer alten Wohnung verbringen. Sie wollte bei Septimus sein, und wenn Septimus nicht da war, war die zweitbeste Lösung sein Drache. Sie folgte dem Weg am Fluss entlang und stapfte durch das hohe, schneebedeckte Gras, bis sie schließlich an ein großes Tor gelangte. Dort war ein derbes und leicht verkohltes Holzschild angenagelt, auf dem stand:
BETRETEN AUF EIGENE GEFAAR
FÜR ETWAIGE SCHÄDEN, VORHERSEBARE ODER SONSTIGE,
WIRD KEINERLEI HAFTUNG ÜBERNOMMEN
GEZ.: BILLY POT (MR.)
AMDLICHER DRACHENHÜTER
Jenna musste schmunzeln. Das Schild war tatsächlich angesengt, und Billys Rechtschreibung war ungewöhnlich gut. Sie öffnete das Tor und trat ein. Am anderen Ende der Wiese konnte sie die Umrisse des lang gestreckten, flachen Drachenhauses ausmachen, das sich dunkel gegen das lila Licht abhob. Vorsichtig mehrere verdächtig riechende Haufen im Gras umkurvend, steuerte sie auf das Drachenhaus zu. Mit einem Drachen zu reden war manchmal das einzig Vernünftige.
Nun, da Feuerspei nicht mehr unwillkommener Gast im Hof des Zaubererturms war, sondern Herr über eine eigene Wiese, blieb sein Drachenhaus die ganze Nacht offen. Als Sarah Heap dagegen Einwände erhoben hatte, hatte ihr Billy Pot ungehalten entgegnet: »Mister Feuerspei ist ein Gentleman, Madam Heap, und einen Gentleman sperrt man über Nacht nicht ein.« Der zweite und zwingendere Grund, den Billy allerdings zu erwähnen versäumt hatte, war, dass Feuerspei schon in seiner ersten Nacht im Drachenhaus die Türen verspeist hatte.
So kam es, dass Jenna, als sie vorsichtig die Wiese überquerte, Feuerspeis stumpfe Schnauze auf dem Rand der Rampe liegen sah, die zu dem Schuppen hinaufführte. Jenna schlang den Hexenmantel enger um sich und zog sich die Kapuze tief ins Gesicht. Sie genoss das Gefühl, in diesem Mantel mit der Umgebung zu verschmelzen. Lautlos näherte sie sich dem Drachenhaus. Sie wollte ins warme Stroh kriechen und sich an den mächtigen Leib des Drachen kuscheln.
Im Drachenhaus war es dunkel. Es roch etwas streng, und ruhig war es auch nicht. Drachen machen im Allgemeinen im Schlaf allerlei Geräusche, und Feuerspei bildete da keine Ausnahme. Er schniefte, fauchte, grunzte und schnarchte. Sein Feuermagen rumpelte, und sein normaler Magen gluckste. Von Zeit zu Zeit brachte ein gewaltiger Schnarcher das Dach zum Zittern und die Drachenmistschaufeln in Billy Pots Regal zum Klappern.
Tief im Innern des Drachenhauses lehnte Septimus an Feuerspeis warmem Feuermagen. Er hatte einen Entschluss gefasst – es wurde Zeit für ihn, in den Zaubererturm zurückzukehren. Zeit, vor Marcia hinzutreten und ihr zu erklären, warum er den wichtigsten Zauber in der Burg seit vielen Jahren versäumt hatte. Langsam stand er auf und – was war das? Ein Rascheln im Stroh wie von einer Ratte. Aber es war etwas Größeres als eine Ratte – etwas viel Größeres – es bewegte sich vorsichtig und zielstrebig – und es roch leicht nach schwarzer Magie. Es kam direkt auf ihn Septimus rührte sich nicht. Ihm fiel auf, dass Feuerspei weiterschlief. Das war merkwürdig. Er spähte angestrengt in die Dunkelheit. Das Rascheln kam näher.
Dann hörte er plötzlich ein Straucheln im Stroh, und Feuerspei schlief trotzdem weiter. Warum wachte er denn nicht auf? Der Drache ließ nicht jeden in sein Haus. In dieser Hinsicht war er sehr wählerisch. Fremde konnte er nicht leiden. Erst vor ein paar Monaten hätte er beinahe einen Urlauber gefressen, der als Mutprobe zu ihm hineingegangen war.
Im nächsten Augenblick sah Septimus, wie der Eindringling aus dem Schatten trat, und da begriff er, warum Feuerspei nicht aufwachte. Es war eine Hexe. Bestimmt hatte sie ihn mit einem Schlafzauber belegt. Und es war eine schwarze Hexe. Der an der Vorderseite geknöpfte und überall mit Symbolen bestickte Mantel war die Kluft der Mitglieder des Porter Hexenzirkels. Septimus kauerte sich hin und beobachtete, wie sich die Gestalt an Feuerspeis Stacheln entlang in seine Richtung tastete. Er zog einen sauber aufgewickelten Dunkelfaden aus der Tasche und wartete, bis ihm die Hexe so nahe war, dass sie beim nächsten Schritt auf ihn treten musste – dann schlug er zu. Er warf ihr den Faden, der ein erstaunliches Gewicht hatte, um die Fußgelenke und zog. Mit einem schrillen Schrei purzelte die Hexe auf ihn.
»Iiiih! Aua ... aua!«
»Jenna?«, stieß Septimus hervor.
»Sep? Meine Knöchel. Oh Sep, da ist eine Schlange. Nimm sie weg ... nimm sie weg. Wie das wehtut! Wie das brennt!«
»Ach, Jenna, tut mir leid, Tut mir wirklich leid! Halt still. So halt doch still!«.
Nun hielt Jenna still, so gut es eben ging, und Septimus löste den Dunkelfaden, so schnell es eben ging. Sobald er entfernt war, rieb sich Jenna zornig die Knöchel.
»Aua ... autsch!«
Septimus sprang auf. »Bin gleich zurück. Rühr dich nicht von der Stelle.«
»Wie denn!«, knurrte Jenna. »Ich glaube, mir fallen gleich die Füße ab.«
Septimus zwängte sich an Feuerspeis zusammengefalteten, lederartigen Flügeln vorbei und verschwand hinter dem stachelbewehrten Kopf des Drachen. Augenblicke später tauchte er wieder auf und kam schnell zu Jenna zurück.
»Aua ...«, stöhnte Jenna vor sich hin.
Dort, wo die Haut mit dem Dunkelfaden in Berührung gekommen war, hatten sich rote Striemen gebildet, und Jenna hatte das Gefühl, als ob ein glühend heißer Draht in ihr Fleisch schnitt.
Septimus kniete sich hin und rieb mit einem feuchten und irgendwie klebrigen Lappen vorsichtig über die Striemen. Sofort ließ der brennende Schmerz nach, und Jenna seufzte erleichtert auf.
»Ach, Sep, endlich. Es hat aufgehört. Es tut tatsächlich nicht mehr weh. Was ist das?«
»Mein Taschentuch.«
»Das weiß ich, du Dummkopf. Ich meine das klebrige Zeug darauf.«
Septimus vermied eine Antwort. »Du musst es vierundzwanzig Stunden drauflassen. Klar?«
»Klar.« Jenna nickte und befühlte vorsichtig ihre Knöchel. Sie spürte jetzt nur noch ein warmes Kribbeln entlang der verblassenden roten Striemen. »Das ist fantastisch, das Zeug. Was ist es?«
»Naja,äh ...«
Jenna sah ihn argwöhnisch an. »Sep, sag es mir. Was ist es?«
»Drachensabber.«
»Igittigitt!«
»Er wirkt prima, Jenna.«
»Ich soll vierundzwanzig Stunden lang getrockneten Drachensabber mit mir herumtragen?«
Septimus zuckte mit den Schultern. »Wenn du nicht willst, dass das schwarzmagische Gift wieder wirkt.«
»Was für ein schwarzmagisches Gift?« Jenna sah Septimus an und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »War es das etwa? Was hast du mit schwarzer Magie zu schaffen, Sep?«
»Dasselbe könnte ich dich fragen«, erwiderte Septimus.
»Was?«
»Jenna, du hältst den Hexenmantel vielleicht für eine lustige Kostümierung, aber das ist er nicht. Er ist echt.«
»Ich weiß«, sagte Jenna leise.
»Du weißt es?«
Jenna nickte.
»Aber ich dachte, niemand kann den Mantel einer schwarzen Hexe tragen, es sei denn ...« Septimus sah Jenna an, und sie erwiderte seinen Blick standhaft. »Jenna, du bist doch nicht etwa ...?«
»Nur Anwärterin«, sagte Jenna abwehrend.
»Nur Anwärterin? Jenna, ich ... ich ...« Septimus fehlten die Worte.
»Es ist etwas geschehen, Sep.«
»Was du nicht sagst.«
Jenna unterdrückte einen Schluchzer. »Ach, es war schrecklich. Mom ist...«
Sie saßen hinten im Drachenhaus im Stroh, und Jenna erzählte Septimus von Merrin, von dem Dunkelfeld und davon, was mit Sarah geschehen war. Jetzt endlich begriff Septimus, was vorgefallen war, seit er Marcia am Nachmittag verlassen hatte.
Jenna schloss ihren Bericht und verstummte. Septimus schwieg. Ihm war, als wäre die ganze Welt aus den Fugen geraten.
»So ein Mist«, grummelte er schließlich.
»Ich hasse Geburtstage«, sagte Jenna. »An Geburtstagen passiert immer etwas. Alles, was man liebt, wird zugrunde gerichtet. Es ist schrecklich.«
Wieder schwiegen sie eine Weile, dann sagte Septimus: »Ich mache mir Sorgen, Jenna, wirklich große Sorgen.«
Sie sah ihn an. Sein Gesicht wurde von dem weichen gelben Licht angestrahlt, das sein Drachenring verströmte. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so unglücklich gesehen zu haben, nicht einmal damals, als er noch ein kleiner, verängstigter Soldat der Jungarmee gewesen war. »Es ist nicht deine Schuld, Sep«, sagte sie sanft.
»Doch. Es wäre nicht passiert, wenn ich dir geholfen hätte, als du mich darum gebeten hast – wenn ich dir nur richtig zugehört hätte. Aber ich war so mit ... mit meinen Angelegenheiten beschäftigt. Und sieh dir an, in was für einem Schlamassel wir jetzt stecken.«
Jenna legte ihm den Arm um die Schultern. »Schon gut, Sep. Alles ›hätte‹ und ›wäre‹ hilft uns jetzt nicht weiter. Hätte ich im Palast besser aufgepasst. Hätte ich schon beim ersten Mal Nachforschungen angestellt, als ich dachte, ich hätte Merrin gesehen. Hätte Dad etwas unternommen, als ich ihn darum gebeten habe. Wäre ich gleich zu Marcia gegangen, statt Beetle um Hilfe zu bitten. Hätte Marcia Mom alles richtig erklärt. Hätte und wäre. Alle hätten mehr tun können, nicht bloß du.«
»Danke, Jenna. Ich bin so froh, dass du hier bist.«
»Ich auch.«
Sie saßen still nebeneinander und ließen sich vom gleichmäßigen Atem des schlafenden Drachens einlullen. Und sie waren kurz vor dem Einschlafen, als sie plötzlich ein Geräusch hörten, bei dem sich ihnen die Nackenhaare aufstellten. Es klang so, als ob draußen vor dem Drachenhaus jemand mit Fingernägeln über einen Ziegelstein kratzte.
»Was ist das?«, flüsterte Jenna.
Septimus spürte, dass Feuerspei die Muskeln anspannte – der Drache war wach. »Ich gehe nachsehen.«
»Aber nicht allein«, sagte Jenna.
Das Kratzen näherte sich dem Eingang des Drachenhauses. Feuerspei ließ ein warnendes Schnauben vernehmen. Das Kratzen verstummte für kurze Zeit und hob dann von Neuem an. Septimus spürte, wie Jenna ihn am Arm fasste. »Hier drunter«, formte sie mit den Lippen und deutete auf ihren Hexenmantel.
Septimus nickte – anscheinend war auch ein Hexenmantel zu etwas nutze. Gemeinsam geduckt unter dem Mantel, schlichen sie zwischen Feuerspei und der rauen Seitenwand nach vorn. Plötzlich machte der Drache eine eigenartige Bewegung, durch die sie beinahe an die Wand gequetscht worden wären. Er hob, den Kopf auf dem Boden, sein Hinterteil in die Höhe. Seine Rückenstacheln fuhren in die Dachsparren und vertieften die Ritzen, die sie bereits gegraben hatten. Er fauchte, und sein Feuermagen gurgelte.
Septimus sah Jenna an. Irgendetwas stimmte da nicht. Sie schlüpften um Feuerspeis Flügel herum und blieben wie angewurzelt stehen – vor dem lila Schein des Sicherheitsvorhangs hoben sich dunkel die unverwechselbaren Silhouetten dreier Gespenster ab.
Ein Gespenst hielt Feuerspeis hochempfindlichen Nasenstachel umklammert und drückte ihm den Kopf ins Stroh. Feuerspei fauchte noch einmal und versuchte, genug Luft einzusaugen, um Feuer zu erzeugen. Da das Gespenst jedoch seinen Kopf nach unten drückte, konnte sein Feuermagen nicht arbeiten. Ein Drache kann nur Feuer speien, wenn er den Kopf hoch hält und seine Lungen gut gefüllt sind.
Links und rechts von Feuerspeis Schädel näherten sich die beiden anderen Gespenster. Plötzlich blitzten im Schein des Sicherheitsvorhangs Stahlklingen auf. Die Gespenster hatten Dolche. Lange, scharfe Drachentöterdolche.
Auch Jenna hatte die Dolche gesehen. Sie gab Septimus ein Zeichen. Du nimmst das eine, ich das andere. Und erst als sie blitzschnell nach vorn sprang und sich mit ihrem Mantel auf das Gespenst stürzte, wurde Septimus klar, dass sie ja keine Waffe hatte und nur das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Doch er dachte nicht länger darüber nach. Während Jenna ihr Gespenst zu Boden stieß und unter den Falten ihres Mantels begrub, sprang Septimus auf Feuerspeis Nacken und warf sich von dort aus auf das andere. Das Gespenst wusste nicht, wie ihm geschah, als es, mit einem glühend heißen Draht um den Hals, zu Boden gerissen wurde und eine Stimme über ihm einen Gefrierzauber murmelte.
Das dritte Gespenst, das noch immer Feuerspeis Nasenstachel umklammerte, stutzte und riss verwirrt die Augen auf. Es war das allerletzte Gespenst, das Merrin herbeigezaubert hatte, und das kleinste von allen, das den anderen in punkto Boshaftigkeit noch ein wenig nachstand. Es konnte sich nur behaupten, indem es andere Gespenster nachmachte und immer tat, was der Anführer befahl, geriet aber leicht ins Zaudern, wenn es auf sich allein gestellt war – und das war es jetzt.
In den folgenden Sekunden ging alles blitzschnell. Feuerspei spürte, dass der Griff des Gespenstes sich lockerte. Mit einer ungestümen Bewegung warf er den Kopf hoch, und das Gespenst wurde mit nach oben gerissen. Wie ein zerfetztes Wäschestück, das eine Waschfrau wütend fortschleudert, flog es durch die Luft, durchbrach krachend die überhängenden Äste einer Tanne und verschwand hinter der Hecke, die den Palastgarten von der Drachenwiese trennte. Schließlich prallte es gegen das lila Kraftfeld des Sicherheitsvorhangs – das abgesehen von der Nahtstelle noch überall vollkommen intakt war –, wurde zurückgeworfen und auf eine Flugbahn in die entgegengesetzte Richtung geschickt. Sekunden später war ein leises, aber höchst befriedigendes Platschen zu vernehmen, als das Gespenst in den Fluss stürzte.
Jenna und Septimus tauschten ein zaghaftes Grinsen aus. Drei hatten sie unschädlich gemacht – aber wie viele waren es noch?
Das Gespenst, das Septimus zu Fall gebracht hatte, lag reglos im Stroh, um den Hals den langen Strang des Dunkelfadens, der fast vollständig in seinen tiefen Runzeln verschwand. Jenna hielt dem anderen noch ihren Mantel über den Kopf, aber in dieser Haltung wollte sie nicht länger verharren.
»Sep«, flüsterte sie, »ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn ich aufstehe, steht es mit auf.«
»Lass einfach den Mantel über ihm liegen, Jenna. Es ist ein Dunkelmantel, von dem du sowieso die Finger lassen solltest. Lass ihn liegen, dann wird er das Gespenst von ganz allein am Boden halten.«
Von diesem Vorschlag war Jenna nicht begeistert. »Kommt nicht infrage. Ich werde meinen Mantel nicht hierlassen.«
Septimus schaute sich nervös um. Ob noch mehr Gespenster in der Nähe waren? Er wollte jetzt nicht mit Jenna streiten, aber gewisse Dinge mussten geklärt werden.
»Jenna«, sagte er in dringlichem Ton. »Anscheinend begreifst du es nicht. Dein Mantel ist der Mantel einer schwarzen Hexe. Das ist nicht gut. Damit solltest du nicht herumspielen.«
»Ich spiele mit gar nichts herum.«
»Doch. Lass den Mantel hier.«
»Nein.«
»Jenna«, schimpfte Septimus. »Das bist nicht du, die da redet, sondern der Mantel. Lass ihn hier.«
Jenna durchbohrte ihn mit ihrem Prinzessinnenblick. »Hör zu, Sep, das bin ich, die da redet, und nicht ein Haufen Wolle, verstanden? Ich bin für diesen Mantel verantwortlich. Wenn ich ihn loswerden will, werde ich das so tun, dass er keinem anderen in die Hände fällt. Vorläufig möchte ich ihn aber behalten. Du vergisst, dass du all diese komischen Zaubermittel hast, mit denen du dich schützen kannst. Du weißt, wie du dich gegen die Dunkelkräfte wehren kannst. Ich habe nur den Mantel. Ich habe ihn geschenkt bekommen und werde ihn nicht diesem ekligen Gespenst überlassen.«
Septimus begriff, wann er nachgeben musste. »Also gut. Dann nimm den Mantel. Ich werde das Gespenst ebenfalls einfrieren.«
Fachmännisch murmelte er einen Schnellgefrierzauber. »Du kannst den Mantel jetzt wegnehmen, Jenna«, sagte er. »Wenn es unbedingt sein muss.«
»Ja, Septimus, es muss unbedingt sein.« Sie riss den Mantel von dem Gespenst herunter und zog ihn zu Septimus’ Erstaunen an.
Septimus beschloss, seinen Dunkelfaden, der sich tief in die Hautrunzeln am Hals des anderen Gespenstes gegraben hatte, dort zu belassen. Es gab gewisse Dinge, die er niemals tun wollte, und in die Halsrunzeln eines Gespenstes zu fassen gehörte dazu. Aus der Nähe riechen Gespenster widerlich nach toter Ratte, und der direkte Kontakt mit ihnen ist wahrhaft widerwärtig. Wenn ein Mensch sie berührt, lösen sich Streifen der schleimigen Haut ab und bleiben wie Leim am Fleisch kleben.
Feuerspei hatte interessiert zugesehen, wie sein Pilot und seine Navigatorin die Angreifer außer Gefecht gesetzt hatten. Es gibt eine weitverbreitete Theorie, wonach Drachen niemals Dankbarkeit empfinden, aber sie ist falsch. Drachen zeigen Dankbarkeit nur nicht auf eine Weise, die Menschen verstehen.
Feuerspei trottete gehorsam aus dem Drachenhaus. Sorgsam achtete er darauf, dass er auf keine Zehe trat und Septimus nicht ins Gesicht schnaubte – von Seiten eines Drachen kann es kein größeres Zeichen der Dankbarkeit geben.
Septimus stand dicht neben Feuerspeis beruhigendem, mächtigen Drachenleib und ließ den Blick über die seltsam lila gefärbte Drachenwiese schweifen.
»Glaubst du, es sind noch mehr Gespenster in der Nähe?«, flüsterte Jenna, die sich hinter ihm unbehaglich umschaute.
»Keine Ahnung«, murmelte Septimus. »Sie könnten überall stecken. Wer weiß das schon?«
»Nicht überall, Sep. Es gibt einen Ort, wo sie nicht hinkönnen.« Sie deutete zum Himmel.
Septimus grinste. »Los, Feuerspei«, sagte er. »Lass uns von hier verschwinden.«